Einen Menschen beim Lesen zu beobachten hat etwas Beruhigendes. In diesen entspannten Momenten ist man ganz bei sich und maskenlos. Diese Intimität reizt Künstler zu Porträts von Lebensmenschen, die durch das persönliche Verhältnis eine ganz eigene Prägung bekommen. Für Stewart Carmichaels Bild aus dem Jahr 1912 unterbricht seine Frau nur kurz die Lektüre. Die schönen braunen Augen sind konzentriert auf den Maler gerichtet. Der leere Gesichtsausdruck verrät, dass sie eben noch tief in Gedanken versunken war. Der weiße Spitzenkragen wird von einer goldenen Brosche zusammengehalten und setzt sich von dem dunkelgrünen Kleid ab. Christian Krohg blieb zurückhaltender und unterließ es, seine Gattin zu stören. Die auf dem Tisch stehende Lampe verdeckt einen Teil des Gesichts der Lesenden. Erst wenn man an dem hell erleuchteten Glasaufsatz der Petroleumlampe vorbeischaut, erkennt man die feinen Züge der Oda Krohg. Der Künstler fängt die häusliche Szene ein und hält gleichzeitig einen rücksichtsvollen Abstand. August Macke und seine Frau Elisabeth kannten sich bereits aus der Schule. Mit der Heirat 1909 wurde sie zum Lieblingsmotiv des Malers. »Er war glücklich, in mir ein brauchbares Modell zu haben« erinnerte sich Elisabeth Erdmann-Macke. Das von Matisse inspirierte Porträt der Lesenden von 1912 zeigt kräftigen Farben, umrandet von breiten schwarzen Rändern. Die gespannte Körperhaltung zusammen mit dem ernsten Gesicht vermittelt eindringlich die Weltvergessenheit der Porträtierten. Diese feine Sammlung vereint 20 Porträtierte, mal auf der Chaiselongue, im Bett liegend oder bequem in der Hängematte, aber immer mit einem Buch als ständigen Begleiter.