Ein einfacher Holzstuhl steht vor einer weißen Wand. Das von rechts einfallende Sonnenlicht sorgt für einen starken Schlagschatten. Dieses 1965 entstandene Gemälde von Gerhard Richter ist das erste einer Reihe von drei Bildern mit diesem Motiv und gilt als ein frühes Hauptwerk. Richter selbst fotografierte die Vorlage. »Das war ein Stuhl, den ich selbst besaß, und eine Aufnahme von mir. Ich war damals auf der Suche nach banalen Gegenständen«. Bei der Übertragung von der fotografischen Vorlage in die Malerei bindet Richter den Stuhl in eine klassische Komposition ein. Das vordere Stuhlbein markiert den Goldenen Schnitt. Durch den tiefer gelegten Blickpunkt monumentalisiert der Maler den Stuhl und wertet damit das Objekt weiter auf. Der Verschärfung der Kontraste sorgt für eine erhöhte Plastizität und ein reizvolles Spiel zwischen Schwarz und Weiß. Kurz nach dem Farbauftrag verwischt Richter mit einem breiten Pinsel vorsichtig die Konturen. Eine zufällig entstandene und langweilige Fotografie wird so in ein klassisches, hoch reduziertes Stillleben transportiert. Die Aufwertung des schlichten Stuhls zu einem bildwürdigen Gegenstand, der ästhetisch ansprechend dargestellt wird, führt beim Betrachter zur Frage nach dessen Bedeutung. Wie Samuel Beckett bei seinem Stück »Warten auf Godot« spielt Richter mit unserer Erwartungshaltung. Er lässt uns mit einer Leerstelle allein, die zum intellektuellen Spiel einlädt. Die außerordentliche Brillanz dieses Kunstdrucks vermittelt die malerische Qualität der Vorlage. Einzelne Pinselstriche sind gut erkennbar, die fein abgestuften Grautöne des Originals, entscheidend für die ästhetische Wirkung, bleiben durch das aufwendige Druckverfahren erlebbar.